Do. 18.11.2021

Solidarität vom LAFT Berlin zur Kundgebung „Keine Zukunft ohne Zukunft“

Die Worte von Sandra Klöss anlässlich der Kundgebung „Keine Zukunft ohne Zukunft“ am 13. November 2021 im Rahmen der Demo für den Erhalt der Zukunft am Ostkreuz als Kulturort in Berlin.

Sandra Klöss war von 2011 bis 2018 Im Vorstand des LAFT Berlin – Landesverband Freie Darstellende Künste Berlin und richtete m Namen des Verbands solidarische Worte an die Zukunft am Ostkreuz und an die Kolleg*innen vom Ringtheater. Anbei ihre Worte:

Alternative Orte gegen eine Hegemonie von Kunst und Kultur

Ein Fokus der politischen Arbeit des LAFT Berlins war auch immer Räume der freien Darstellenden Szene in Berlin zu verteidigen und zu erhalten, unsere Maxime war und ist es immer: jeder einzelne Ort ist für die Vielfalt der Berliner Freien Szene aller Sparten und Genres unerlässlich.

Sasha vom Ringtheater bat mich, etwas darüber zu sagen warum subkulturelle Orte wie die Zukunft so wichtig sind. So banal das jetzt klingt, für so wahr halte ich es: es sind Alternativen. Alternative Orte gegen eine Hegemonie von Kunst und Kultur, gegen genormte konsumeristische Freizeitgestaltung.

Diese Orten entstanden natürlich überall, aber gerade Berlin ist dahingehend  aufgrund seiner Geschichte als ehemals geteilte Stadt  singulär:  die Wohn- und Lebenshaltungskosten waren lange so günstig wie nirgendwo sonst, die vielen Brachen und gewerbliche Leerstände haben das Entstehen solcher Orte lange Zeit sehr leicht gemacht . Als Theaterschaffende ist die Darstellende Kunst natürlich der Bereich, in dem ich mich am besten auskenne – die Geschichte unserer Freien Szene ist auch untrennbar mit alternativen Orten der Subkultur verknüpft und schon deshalb finde ich es wichtig, dass unsere Szene sich immer unterstützend und solidarisch mit den Kämpfen um den Erhalt solcher Orte zeigt, auch wenn dort keine Darstellende Kunst präsentiert wird, und auch wenn diese zu Mitteln des zivilen Unsgehorsams greifen. Die Geschichte der freien Darstellenden Künste zeichnet sich auch dadurch aus, dass es fast immer auch darum ging Dramaturgien, Ästhetiken und eine küstlerische Praxis zu enztwicklen, die sich gegen die hegemonialen Traditonslinien bürgerlicher kanonisierter Hochkultur stellt, es ging und geht darum, Kunst zu schaffen, die Machtverhältnisse analysiert und kritisch hinterfragt, die transgressiv und radikal sein kann. Diese räumliche Ver-Ortung der Freien Szene hat meiner Meinung nach nicht nur maßgeblich zu der großen ästhetischen Vielfalt in unserer Branche geführt, sondern auch spezifische ästhetische Diskurse oder künstlerische Praktiken befördert. Neben den Auswirkungen auf Leben und Arbeit der Kunstschaffenden, erleichtern diese Orte natürlich auch alternative Entwürfe von Zusammenleben und Arbeit, bieten Raum für gesellschafltich-emanzipatorische Ansätze und politischen Aktivismus  und können Schutz- und Organisationsräume für marginalisierte und diskriminierte Gruppen sein. Oder sind einfach auch nur ein Raum des freundlich bis solidarischen sozialen Austausches der Bewohner*innen des Kiezes oder der Stadt ohne dass die finanziellen Ressourcen der Besucher*innen der ausschlaggebende Faktor sind, wie angenehm und lange die Verweildauer dort ist.

Sandra Klöss bei der Kundgebung am 13.11.2021

Leider hat sich Berlin schon längst der Entwicklung anderer Städte angeglichen: Bewohner*innen werden aufgrund steigender Mietpreise und enthemmter Immobilienspekulation in die Peripherie gedrängt und kleine alternative Kulturorte verschwinden oder sind akut bedroht. Dennoch oder gerade deshalb ist es wichtig, nicht vor diesen furchtbaren Zuständen zu kapitulieren sondern um jeden einzelnen dieser Orte, um jeden gefährdeten Kunst- und Kulturraum der Stadt zu kämpfen, auch wenn die Kraftverhältnisse in diesen Auseinandersetzungen alles andere als zu unseren Gunsten aufgestellt sind. Lasst uns diese so wichtigen Bastionen der autonomen und selbstbestimmtem Kultur- und Freizeitgestaltung verteidigen und die Frage  „wem gehört die Stadt?“ immer und immer wieder mit der einzig richtigen Antwort: „denen, die dort wohnen“ beantworten.

Deshalb: keine Zukunft ohne Zukunft. Ich wünsche euch im Kampf um den Erhalt der Zukunft und des Ringtheaters viel Mut und Kraft. Da aufgeben eben keine Option ist, möchte ich zum Schluss das Epitaph von Herbert Marcuse zitieren: „weitermachen“.

Titelbild: Toni Petraschk